76. Magdeburg 1999

76. Jahrestagung der Deutschen-Dante-Gesellschaft in Magdeburg (1999)

Vom 8. bis 10. Oktober 1999 fand in der Universität Magdeburg die 76. Jahrestagung der Deutschen Dante-Gesellschaft statt. Nach der Mitgliederversammlung der DDG begann das Vortragsprogramm am 9. Oktober mit einer Eröffnungsrede des Präsidenten der DDG, Bernhard König, der Begrüßung durch den Rektor der Universität, Magnifizenz Klaus Erich Pollmann, und dem Grußwort eines Vertreters der D.I.G. Magdeburg.

Anschließend sprach Karl Maurer (Bochum) über „Die Erfahrung der Hölle. Dante – Ignatius von Loyola – Akutagawa“. Ausgehend von der Frage nach dem Realitätsstatus von Dantes Reise – fictio poetica oder Vision -, die Maurer dahingehend beantwortete, dass Dante das damalige theologische System und das Schicksal von einigen ihn interessierenden Toten sich so lange vorgestellt habe, bis sie für ihn selbst wahr geworden seien, verglich Maurer Dantes Hölle, die aus der Sicht der Heilsgewissheit des Autors gezeichnet werde, mit der Hölle in den Exercitia spiritualia (1548) des Ignatius von Loyola, die durch Angst vor ihr gekennzeichnet sei, während sie in einer historischen Novelle des Japaners Akutagawa von 1918 aus dem Bewusstsein gezeichnet werde, ihr verfallen zu sein.

Im zweiten Vortrag des Vormittags beschäftigte sich Ruedi Imbach (Fribourg) mit „Dante als Leser des Aristoteles“. Dieser Beitrag bot zunächst einige Urteile über Aristoteles aus der europäischen Literatur des 12.-14. Jahrhunderts, denen Imbach Dantes Wertschätzung des Aristoteles vor allem als praeceptor morum gegenüberstellte; er wies dann nach, dass Dante neben den Kommentaren von Thomas von Aquin und Albertus Magnus auch den Aristoteles-Text in der Übersetzung des Wilhelm von Moerbeke benutzte, wobei ihm offensichtlich besonders Aristoteles‘ Ökonomie-Prinzip und seine Deutung der Philosophie als Mittel der Einsicht in wichtige Dinge des Lebens zusagten, und beschrieb zusammenfassend Aristoteles‘ Bedeutung für Dante vor allem in seiner Rolle als Quelle für die Struktur der Divina Commedia und in dem Primat der praktischen Vernunft bei seiner Rolle als Ethiker.

Die Vorträge des Nachmittags begannen mit Wolfgang Hradskys (Magdeburg) Überblick über „Das Fegefeuer vor und nach Dante“, in dem der Ursprung des Begriffs bei den Kirchenvätern, die Ausgestaltung dieser Vorstellung in der Visionsliteratur des Mittelalters und die dogmatische Verankerung dieses Konzepts bei den Theologen vom 13. Jahrhundert bis in unsere Tage (Guardini, Küng) nachgezeichnet wurden.

Danach zeigte Otfried Lieberknecht (Berlin) – „Strafe und Zeichen: das Prinzip der Wiedervergeltung in Inferno XXVIII“ – anhand dieses Gesangs, wie Dante sich an die von ihm angesprochenen Publikumsschichten – das gewöhnliche Publikum, für das der sensus litteralis bestimmt war, und eine gebildete Elite, an die sich der sensus allegoricus richtete – wandte. Während die in Inferno XXVIII beschriebenen Zwietrachtstifter, die von einem Teufel immer wieder mit dem Schwert gespalten werden, auf einer oberflächlichen Deutungsebene vom Schwert getroffen würden, weil sie Kriege verursacht hätten, und die individuellen Varianten ihrer Wunden aufgrund ihrer jeweiligen Biographie erleiden müssten, ließen sich manche Details der Strafen nur unter Zuhilfenahme des sensus allegoricus erklären. Zur Erklärung dieser Details müsse man etwa auf die aus Aristoteles‘ De anima bekannte Lehre von den drei Seelenpotenzen zurückgreifen, die Gestaltung von Mohammed und Bertrand de Born als Postfigurationen des Todes von biblischen Verrätergestalten verstehen oder die in den Wunden verborgene Kreuzessymbolik erkennen.

Der Morgen des 10. Oktober begann nach der Begrüßung durch den Oberbürgermeister von Magdeburg, Herrn Willi Polte, mit dem kunsthistorischen Vortrag „Gemalte Schrift. Mediale Aspekte der Wort-Bild-Beziehung im Trecento“ von Klaus Krüger (Greifswald). Der erste, systematische Teil dieses Vortrags zeigte zunächst generelle Möglichkeiten auf, wie sich Bild und Inschrift zueinander verhalten können: visuelle Poesie; Schrift als skulpturales Ornament etwa auf Türen; Schriftbänder nach Art moderner Sprechblasen auf Fresken mit dem Ziel einer Fixierung als Ikone; Einbezug der Inschriften in die Aussage eines Bildes, sei es als Sprache des Stifters oder als Sprache der abgebildeten Personen, wobei letzteres sogar zu pseudo-griechischen Inschriften geführt habe, deren Sichtbarkeit also wichtiger gewesen sei als ihre Lesbarkeit. Im zweiten Teil ging Krüger auf das Fresko des Nardo di Cione (um 1357) in der Strozzi-Kapelle von Santa Maria Novella in Florenz ein, das Dantes Inferno zeigt. Aufgrund der Kleinheit und damit Unlesbarkeit der darin enthaltenen Inschriften und aufgrund der Tatsache, dass die Kapelle meist verschlossen blieb, vermutete Krüger, dass diese Inschriften wohl vor allem die Authentizität der Darstellung belegen und so die Anwesenheit berühmter Literatur in der Kapelle dokumentieren sollten, was man als einen Wettstreit zwischen Schrift und Bild deuten könne.

Den letzten Beitrag der Tagung bildete die satzungsgemäße Lectura von PurgatorioXVII, die aus drei Teilen bestand: dem Vortrag der deutschen Übersetzung durch Wolfgang Hradsky, der Kommentierung durch Bernhard König und der Rezitation des italienischen Textes durch Valentina Pennacino (Genua).

Joachim Leeker (Chemnitz)