77. Münster 2000

77. Jahrestagung der Deutschen Dante-Gesellschaft in Münster (2000)

Vom 6. bis 8. Oktober 2000 fand in der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster die 77. Jahrestagung der Deutschen Dante-Gesellschaft statt. In seiner Eröffnungsrede am Samstagmorgen (7. Oktober) hob der Präsident, Bernhard König (Köln), das Jahr 2000 als 200. Geburtsjahr von Karl Witte, dem Gründer der Gesellschaft, hervor und die Rolle Münsters als Sitz einer traditionsreichen Dante- und Mittelalterforschung.

Im ersten Vortrag der Tagung behandelte Francesco Tateo (Bari) das Thema „Percorsi agostiniani in Dante“. Obwohl Dante Augustinus keinen Platz unter den Weisheitslehrern des Sonnenhimmels zuweise, habe dieser – so Tateo – dennoch als Quelle für die Divina Commedia eine große Rolle gespielt, gingen doch drei Konzepte Dantes auf Augustinus zurück: 1) die Vorstellung des „eterno presente“, d.h. einer Ewigkeit außerhalb der Zeit, die sich in der Erinnerung an den Augenblick der Gottesschau zeige; 2) die mit Bildern der sinnlichen Wahrnehmung ausgeschmückte Erklärung der Gottessuche als Erinnerung; und 3) die Aufwertung des Ruhms, die allein es ermögliche, die „gerechten“ Heiden (Par.VI) den Christen als Vorbilder hinzustellen. Humanistische Traktate zur Adelsfrage hätten sich in diesem Punkt später oft auf Dante berufen.

Im zweiten Vortrag beschäftigte sich Arnold Angenendt (Münster) mit dem Thema „Der Gedanke eines Weltgerichts von Alt-Ägypten bis Dante“. Der Überblick begann mit Alt-Ägypten, wo die Tatsache, daß ein Hofstaat seinem Herrscher in den Tod folgte, bedeute, daß das Jenseits vom Ständesystem des Diesseits und nicht vom Verhalten des einzelnen bestimmt sei; in dieser Zeit hätten auch die Götter noch von den Opfern der Menschen gelebt. Erst in Griechenland seien die Götter bedürfnislos geworden und hätten sich am Ethos der Menschen erfreut, jetzt habe sich auch die Vorstellung von Seele und Gewissen entwickelt. Zur gleichen Zeit habe sich im Israel des Alten Testaments die Barmherzigkeit als Wertvorstellung herausgebildet. Während frühmittelalterliche Herrscher zunächst wieder von einer conregnatio in coelis geträumt hätten, habe sich die Vorstellung der ethischen Qualifizierung unabhängig vom Stand erst langsam wieder durchsetzen können, ehe sich Dante unter Zuhilfenahme des contrappasso als Dichter gleichsam selbst zu einer Art Richter über das Jenseits gemacht habe.

Am Nachmittag sprach zunächst Dietrich Kämper (Köln) über „Dante im Musiktheater des 20. Jahrhunderts. Luigi Dallapiccolas Bühnenwerk Ulisse“. Nach einem Überblick über Dantes Rezeption in der Musik und über die übrigen Werke Dallapiccolas stellte Kämper die Oper Ulisse (1960-68) im Detail vor: Aufbau, Aussage und Abhängigkeit von Dante – segelt doch Odysseus bei Dallapiccola wie bei Dante immer weiter und wird so zum Sinnbild des modernen Menschen schlechthin, der nicht weiß, wer er ist, seine letzte Bestimmung sucht und diese später in den „stelle“, d.h. in Gott findet.

Einen konkreten historischen Bezug konnte Manfred Lentzen (Münster) in seinem Vortrag „Dante: Denkmäler und Dichtung“ für mehrere Gedichte des 19. und 20. Jahrhunderts nachweisen, die zu Dante-Denkmälern Stellung nehmen. Während Leopardis Sopra il monumento di Dante che si preparava in Firenze (1818) wie Stefano Riccis Dante-Monument in Santa Croce unter Hinweis auf die Kulturtradition Italiens für das Land die Unabhängigkeit forderten, wird Dante in Carduccis Per il monumento di Dante a Trento (1896) wie auch in dem entsprechenden Dante-Monument selbst zum Symbol einer italianità, die auch das damals noch nicht italienische Trentino erfassen sollte – eine Reaktion auf das wenige Jahre zuvor in Bozen aufgestellte Denkmal Walthers von der Vogelweide, dessen Blick nach Süden ein Ausstrahlen der germanischen Kultur in Richtung Italien bedeuten sollte. Pascolis Inno degli emigrati italiani a Dante (1913) schließlich wolle genauso wie Ettore Ximenes‘ Dante-Statue von New York (1921) die in die USA ausgewanderten Italiener zu Tatkraft und Zuversicht auch in fremden Landen auffordern.

Am Sonntagmorgen (8. Oktober) sprach zunächst Horst Heintze (Berlin) über „Karl Witte: 100. Todestag und 200. Geburtstag“. Die zwei Daten im Titel wollten der Instrumentalisierung Wittes (1800-1883) und vor allem Dantes durch die DDR, die beide Personen 1983 in den staatlichen Feiern zu Wittes 100. Todestag erfahren hatten, eine Würdigung des Gründers der Deutschen Dante-Gesellschaft zu seinem 200. Todestag gegenüberstellen, wobei Heintze Wittes Werdegang, seinen Kontakt mit den Werken Dantes und seinen Ansatz herausarbeitete, hatte doch schon Witte gefordert, Dante aus den Fesseln der Aktualisierung zu befreien und ihn aus seiner eigenen Zeit heraus zu verstehen.

Den Abschluß der Tagung bildete die Lectura Dantis, umrahmt von Musik des Trecento, die von Mitgliedern des Ensembles für Renaissance-Musik der Universität Münster ausgeführt wurde. Nach seiner Lesung von Purgatorio XXVIII in der Übersetzung von Karl Witte leuchtete Bernhard König in der der Interpretation des Gesangs zum einen die besondere Rolle Mateldas als Sinnbild der erfüllten vita activa und der Unschuld des Menschen im Urzustand aus und zeigte zum anderen strukturelle Verbindungen zwischen diesem Gesang und den übrigen Gesängen der Divina Commedia auf. Abschließend rezitierte Valentina Pennacino (Genua) den gleichen Gesang in italienischer Sprache.

Joachim Leeker (Chemnitz)