78. Krefeld 2001

78. Jahrestagung der Deutschen Dante-Gesellschaft in Krefeld (2001)

Vom 5. bis 7. Oktober 2001 fand im Gebäude der Volkshochschule Krefeld die 78. Jahrestagung der Deutschen Dante-Gesellschaft statt. In seiner Eröffnungsrede dankte der Präsident der Gesellschaft, Bernhard König (Köln), zum einen für die schon traditionelle Gastgeberschaft der Stadt Krefeld, die in Zukunft von Herrn Stadtarchivdirektor Paul-Günter Schulte wahrgenommen werde, erinnerte dann nochmals an den schmerzlichen Verlust von Frau Prof. Dr. Marcella Roddewig und verwies schließlich darauf, dass auch das Jahr 2001 eine Centenarfeier bedeute, da vor 200 Jahren, d.h. 1801, Prinz Johann von Sachsen geboren wurde, der sich später als Dante-Forscher den Namen Philalethes gab.

Nach einer Begrüßung durch die Bürgermeisterin, Frau Karin Meincke, sprach Maria Lieber (Dresden) über „Philalethes und Ludwig Gottfried Blanc ­ Übersetzer und Philologe im Wettstreit um Dantes Divina Commedia„. Nach einer vergleichenden Biographie stellte Lieber vor allem Blancs heute meist vergessene Arbeiten zu Dante vor sowie fünf Briefe von Blanc an Philalethes aus den Jahren 1834-50, die in der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden aufbewahrt werden. Die unterschiedliche Wirkung von Philalethes und Blanc zeige beider Stärken: Philalethes‘ textgetreue und geschmeidige Übersetzung habe ihren Verfasser vor allem als Dante-Übersetzer bekannt gemacht, während von Blanc nicht die Übersetzung, sondern der Kommentar nachgewirkt habe, so dass er eher als Dante-Philologe gelten könne.

Im zweiten Vortrag des Vormittags sprach Dorothea Scholl (Kiel) über „Dante und das Groteske“. Gemeint sei das, was Dante selbst als „aspro“ oder „brutto“ bezeichnet habe und von monströsen Formen und Verwandlungen bis zur Sprachgroteske reichen könne. Gerade aus letzterem könne man den typisch Danteschen Akzent des Grotesken erkennen, da bei ihm das Groteske bewusst als Gegensatz zum Erhabenen konzipiert sei, das wie in einem Zerrspiegel die Bösartigkeit und Unfreiheit der sündigen Welt zeige. Dadurch unterscheide sich das Groteske bei Dante auch von dem anderer Autoren aus Mittelalter und Renaissance, wo es gelegentlich auch als Mittel der politischen Satire gedient habe oder eine freudige Bejahung der Körperlichkeit meinen konnte.

Der Samstagnachmittag begann mit dem Vortrag von Peter Kuon (Salzburg) zum Thema „‚la prima radice del nostro amor‘ – Petrarca zwischen Francesca und Laura“. Petrarcas eigenen Worten zufolge (Fam. XXI 15) sei die Divina Commedia für ihn kein großes Vorbild gewesen, doch spiele Petrarca in Wirklichkeit durchaus absichtsvoll, d.h. im Sinne einer aemulatio, auf Dantes Werk an. Das gelte etwa für die Paolo-und-Francesca-Episode in Inferno V, die ja den Ursprung der sündigen Liebe behandle und so Petrarca selbst in bezug auf sein Verhältnis zu Laura interessiert habe. Während die Szene jedoch bei Dante mit dessen Betroffenheit ende, weil er sich als Autor von Liebesgedichten quasi selbst als Galehaut oder Verführer betätigt habe, sei sie bei Petrarca in viel komplexerer Weise wieder aufgegriffen worden, wie sich aus der Wahl der gleichen oder ähnlicher Wörter ergebe; Kuon wies dies an vielen Beispielen aus dem Canzoniere nach.

Mit einer Rezeption Dantes in sehr viel modernerer Zeit beschäftigte sich der letzte Vortrag des Samstags, nämlich der Beitrag „Dante 2000 – zur Danterezeption in der zeitgenössischen Literatur“ von Ulrich Prill (Mainz/Germersheim). Im Zentrum standen zwei Werke, Derek Walcotts Epos Omeros von 1990 und Thomas Harris‘ 2001 verfilmter Horror-Roman Hannibal von 1999. Walcott verlängert die europäische Tradition in die Gegenwart der Karibik, wobei die bei Cacciaguida nur angedeutete politische Problematik bei Walcott allerdings im Zentrum steht Thomas Harris‘ Horror-Roman Hannibal zeigt einen psychopathischen Mörder und Dante-Verehrer, dessen Morde teilweise an aus Dante bekannten Greuelszenen (wie der Tydeus-Szene in Inferno XXXII 130ff.) angelehnt seien und so auch über Dante hätten entschlüsselt werden können – hätte die Polizei denn Dante gekannt. So verkehre Harris die bei Dante mit der Darstellung des Grausamen verbundene Hoffnung, es könne einmal besser werden, in ihr Gegenteil.

Den Abschluss des Nachmittags bildete ein Empfang der Tagungsteilnehmer im Ratssaal der Stadt Krefeld durch die Bürgermeisterin. Bei dieser Gelegenheit konnte auch der Träger des diesjährigen Preises der Deutschen Dante-Gesellschaft,Andreas Heil (Heidelberg), den Preis für seine Arbeit mit dem Titel „Dantes Staunen und die Scham Vergils. Eine Interpretation zu Inferno I, 61-87“ entgegennehmen, wobei zusätzlich zwei weitere Wettbewerbsbeiträge lobend erwähnt wurden, nämlich „Intertextueller Dialog: Dantes ‚Belacqua‘ in Samuel Becketts Roman Dream of Fair to Middling Women“ von Katrin Schödel (Nürnberg) und „Zwischen Geheimgesellschaft und literarischer Akademie. Die Geschichte des Apostolato dantesco in Ascoli Piceno“ von Thies Schulze (Berlin).

Der Sonntagmorgen begann mit einem Nachruf auf Marcella Roddewig von Rainer Stillers (Konstanz). In seiner von einem musikalischen Programm umrahmten Ansprache zeichnete Stillers zum einen den bewegten Lebensweg von Marcella Roddewig nach, rief dann ihre zahlreichen literaturwissenschaftlichen Arbeiten zu Dante in Erinnerung, unter denen vor allem ihre vergleichende Bestandsaufnahme von 850 Handschriften der Divina Commedia hervorzuheben sei, und würdigte schließlich Marcella Roddewigs große Verdienste um die
Deutsche Dante-Gesellschaft.

Den Abschluss der Tagung bildete traditionell die Lectura Dantis. Zunächst rezitierte Bernhard König Inferno XVII in der Übersetzung von Philalethes. In der sich anschließenden Lectura dieses Gesangs beschäftigte sich Georg Roellenbleck(Köln) mit drei Fragen: 1) der Form des Gesangs einschließlich seiner Einordnung in einen größeren Zusammenhang, 2) dem Sinn und dem Gewicht der Wucherer-Szene und 3) der Gestalt des Geryon. Nach dieser mustergültigen Lectura rezitierte Valentina Pennacino (Genua) den gleichen Gesang in italienischer Sprache.

Joachim Leeker (Chemnitz)