79. Berlin 2002

79. Jahrestagung der Deutschen Dante-Gesellschaft in Berlin (2002)

Vom 4. bis 6. Oktober 2002 fand im Literaturhaus Berlin die 79. Jahrestagung der Deutschen Dante-Gesellschaft statt. In seiner Eröffnungs-Ansprache hob der Präsident der Gesellschaft, Bernhard König (Köln), hervor, dass Berlin zum einen auf eine traditionsreiche Dantistik zurückblicken könne und zum anderen eine Reihe wichtiger Dante-Handschriften und Dante-Kunstschätze besitze. Schon am Vortag waren den Mitgliedern der Deutschen Dante-Gesellschaft von Hein-Th. Schulze Altcappenberg und Lutz S. Malke einige Dante-Kostbarkeiten des Kupferstichkabinetts und der Kunstbibliothek Staatliche Museen gezeigt worden. Im Anschluss an die Eröffnungs-Rede von Bernhard König verwies Seine Exzellenz, der Botschafter der Republik Italien, Silvio Fagiolo, in seinem Grußwort auf die schon bei Dante zu findende europäische Sichtweise und dankte der Deutschen Dante-Gesellschaft für ihren Anteil an dem hohen Ansehen, das die italienische Kultur in Deutschland besitze.

Die Reihe der Vorträge begann mit dem Beitrag „’L’arco del dir.’ Dantes Fragen in der Commedia” von Karlheinz Stierle (Konstanz). Stierle konnte für die drei Teile derCommedia unterschiedliche Verhaltensweisen ausmachen: Viele Fragen des Infernokennzeichne eine innere Spannung zwischen einem brennenden Frageverlangen und der Scheu, die Frage auch zu stellen. Dabei erfahre Dante die Hölle als Drama von bestürzender Nähe, und für die in ihre Erinnerungen und die Qualen der Gegenwart eingeschlossenen Verdammten bedeuteten Dantes Fragen einen Augenblick des Dialogs. Im Purgatorio ändere sich der Charakter der Fragen, da diese der Selbstreinigung dienten; daher gebe es nun auch einen permanenten Dialog unter den Seelen, deren Fragen sich um die Erlösung drehten. Das Paradiso, wo die Seelen Dante ganz durchschauen können, sei eine Welt der Antworten ohne Fragen. Und nach dem unmittelbaren Anblick Gottes stelle sich dem Schreiber Dante schließlich die Frage nach der Zuverlässigkeit der Erinnerung (Par. XXXIII 121-23).

Im zweiten Vortrag des Vormittags sprach Michael Bernsen (Bochum) über „Die  Bedeutung der altokzitanischen ‘razos’ für Dantes Verständnis vom Dichter in der Vita nuova”. Dante habe sicher viele „razos” und „vidas” gekannt – aus einer Sammelhandschrift oder von einem mündlichen Vortrag her. Dennoch sei die Vita nuova wohl weitgehend unabhängig davon entstanden, da sich nur wenig motivliche Ähnlichkeiten finden ließen. Anhand dreier Beispiele (Vita nuova 3 und 25 sowie Par.IX) konnte Bernsen zeigen, wie weit sich Dante von solchen „razos” und „vidas” entfernt habe, benutze er sie doch in allen Fällen nur als Material für metapoetische Aussagen.

In seinem Vortrag “Dante-Vereine im Risorgimento” zeigte Thies Schulze (Berlin) in detaillierter Form, wie Dante während der Französischen Revolution und mehr noch in der Zeit bis zur Einigung Italiens für politische Zwecke vereinnahmt wurde. Da die Dante-Vereine oder -Akademien oft Versuche waren, gegen die Staatsgewalt zu opponieren, die Beseitigung der Fremdherrschaft in Italien zu propagieren oder gar für Geheimbünde zu werben, waren sie meist von polizeilichen Restriktionen begleitet. Die Idee des 1855 gegründeten “Apostolato dantesco”, die Jugend über die Lektüre der Klassiker zu patriotischen Werten zu erziehen, sei jedoch letztlich bis heute lebendig.

Im letzten Vortrag des Tages präsentierte Lutz S. Malke (Berlin) “Die Entwicklung der Commedia-Illustrationen” anhand von Lichtbildern, wobei der Akzent auf Wandbildern und Buch-Illustrationen lag. Für die Wandbilder konnte Malke einen Einfluß Dantes auf verschiedene Darstellungen des Jüngsten Gerichtes in Pisa, Florenz und Orvieto nachweisen. Die Illustrationen von Handschriften zeigten oft eine leicht verständliche Gestik und manchmal auch den Typ des Simultanbildes mit zeitlicher Verschiebung wie etwa bei Botticelli. Daneben gebe es interessante Einzelfälle wie einen Kodex des Musée Condé in Chantilly, in dem Plutus eine Mitra trage, was ihn zu einer Art Bischof der Geister mache, oder die Illustrationen von Giovanni di Paolo, der zwei Wirklichkeitsebenen nebeneinander setze. Eine wirkliche Neuerung biete nach den in Drucken des 16. bis 18. Jahrhunderts oft enthaltenen Holzschnitten oder Radierungen das 19. Jahrhundert, wo nunmehr bestimmte Commedia-Szenen (etwa Paolo und Francesca oder der Conte Ugolino) zum Gegenstand von Einzelkunstwerken werden könnten. In der Moderne dagegen handele es sich oft um von den jeweiligen Künstlern entworfene Gegenbilder zu ihrer eigenen Zeit.

Der Sonntagmorgen begann mit einer kleinen Ansprache von Winfried Wehle(Eichstätt) zum bevorstehenden 70. Geburtstag von Bernhard König. Im Anschluss daran sprach Wehle zum Thema “Glück auf Erden: Dante und das Irdische Paradies”. Dies sei der Ort der Natur vor dem Sündenfall, wo der Mensch frei sei von den Anfechtungen seiner animalischen Natur. Bei der Darstellung von Matelda orientiere sich Dante sowohl an der aus Ovid bekannten Venus-Ikonographie als auch an den Nymphen der antiken Mythologie, da Matelda wie diese am Wasser lebe. Lethe und Eunoe bedeuteten nicht nur die Wendung des Liebes-Strebens hin zum Geistigen, sondern auch Dantes Hinwendung zur zukünftigen Bestimmung des Menschen. Schließlich erinnere auch Beatrices Erscheinen in Par. XXX in vielem an Venus, so dass Dante die antike Venus-Mythologie strukturbildend für sein Irdisches Paradies eingesetzt habe. – Dem Vortrag folgte ein musikalisches Intermezzo: das Ensemble “Musica Mensurata” aus Berlin spielte und sang eine Reihe von Musikstücken und Liedern aus dem 13. und 14. Jahrhundert.

Den Abschluß der Tagung bildete traditionsgemäß die Lectura Dantis, die dieses Mal Inferno IV zum Inhalt hatte. Nach der Rezitation des deutschen Textes begann Joachim Leeker (Chemnitz) die Lectura mit Bemerkungen zu Situation und Aufbau des Gesangs, dessen drei Teile (I: Gespräch über die Ungetauften; II: Die Gruppe der antiken Dichter; III: Das höllische Elysium) ihrerseits in die Stufen räumliche Annäherung, theoretische Erklärung und namentliche Beispiele unterteilt seien und auch eine unterschiedliche Tonlage (melancholisch, feierlich, freudig) besäßen. Bei der sich anschließenden Detail-Interpretation betonte Leeker, dass die Ansiedlung der edlen Heiden im Limbus wohl eine Erfindung Dantes sei und dass man schließen könne, dass Dante wenigstens für Vergil, wenn nicht für alle edlen Heiden eine Rettung durch einen Gnadenakt Gottes erhofft habe, da dies seinem Gerechtigkeitsempfinden entsprochen habe. Des weiteren ging Leeker insbesondere auf die Kategorien der im “nobile castello” angesiedelten edlen Heiden ein. – Zum Abschluss rezitierte Valentina Pennacino (Genua) den interpretierten Gesang in italienischer Sprache und rundete damit die Tagung ab, deren nächste vom 10. bis 12. Oktober 2003 in Trier stattfinden wird.

Joachim Leeker (Chemnitz)