80. Trier 2003

80. Jahrestagung der Deutschen Dante-Gesellschaft in Trier (2003)

Die 80. Jahrestagung der Deutschen Dante-Gesellschaft fand vom 10. bis 12. Oktober im Bischöflichen Diözesanmuseum Trier statt. Nach den einleitenden Ansprachen eröffnete Gotthard Strohmeier (Berlin) die Vortragsreihe. Im Mittelpunkt seines interessanten Beitrags, „Dante gelesen mit den Augen eines Orientalisten“, stand die Frage nach der Präsenz des Orients in Dantes Werk. Wie Strohmeier zeigte, stimmt Dantes Einstellung gegenüber der islamisch-arabischen Welt im wesentlichen mit der seiner Zeitgenossen überein: Er verurteilt Mohammed als einen Häretiker, der die Christenheit aus Egoismus gespalten habe, bewundert jedoch arabische Erfindungen wie die Kompassnadel oder die neue Mühlentechnik. Gegen die zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgestellte These, Dante habe sich für seine Jenseitsdarstellung an islamischen Erzählungen von Mohammeds Himmelsreise orientiert, plädierte Strohmeier dafür, Dante habe sich wohl eher auf Berichte gebildeter Juden vom Chaj ben Mekitz des Abraham ibn Esra (1098-1164) bezogen. – Es folgte ein anregender Vortrag von John Lindon (London) zu „Intertestualità biblica e apostolato dantesco nella Commedia“. Durch überzeugende Textbelege führte er vor, auf welche Weise Dante in drei Schlüsselszenen – Beatrices Ermahnung, Dante solle nach seiner Rückkehr aufschreiben, was er gesehen habe, Cacciaguidas ähnlich lautende Anweisung und Petrus’ Auftrag an Dante, die Wahrheit über das Gehörte zu offenbaren – sich Vorlagen aus dem Neuen Testament zu eigen macht (die Berufung der ersten Apostel, die Verklärung Christi). Indem er sich auf diese Weise selbst zum Apostel stilisiert, unterstreicht Dante die christliche Mission seines Werkes.

Am Nachmittag referierte Hartmut Köhler (Trier) zum Thema „Gracián und Dante“. Gracián, der Dante in einem Atemzug mit Satirikern wie Lukian oder Traiano Boccalini erwähnt,  dürfte Dante nur dem Namen nach gekannt haben. Und doch konnte Köhler eine Reihe von erstaunlichen Parallelen zwischen der Commedia und dem Kritikon des spanischen Autors aufzeigen – die allegorische Anlage, die Zahlensymbolik, und nicht zuletzt die Frage nach dem menschlichen Heil/Glück. –Gerhard Wolf (Trier) sprach dann über „Come figura in cera si suggella (Purg. X 45). Dimensionen von Blick und Bild in der Commedia“. Ihm ging es um die Problematik der visuellen Umsetzung bestimmter Allegorien und Momente in Dantes Werk. Wie könnte etwa das typische Motiv des Blickes, der zunächst gefesselt und dann weitergerissen wird, in Malerei übertragen werden? Interessanterweise reflektiert Dante selbst innerhalb seines Werkes mehrmals Fragen der Visualität, die mit der Übertragung geistiger in sinnliche Bilder oder umgekehrt zusammenhängen. Die Mitgliederversammlung der Deutschen Dante-Gesellschaft und ein Empfang des Bistums Trier schlossen den Tag ab.

Ein gehaltvoller Vortrag von Andreas Speer (Würzburg) eröffnete den Sonntagmorgen. Unter dem Motto „’La bellezza de la sapienza’: Philosophie und Weisheit bei Dante“ veranschaulichte Speer Dantes Bemühungen, eine volkssprachliche Philosophie für gebildete Laien  anzubieten. Ziel der Philosophie sei das wahre Glück aus der Schau der Wahrheit. Da der Mensch die göttliche Wahrheit aber nur mit Hilfe der Theologie erfassen könne und auch nicht von Natur aus nach dem Unerkennbarem strebe, entstehe die irdische Glückseligkeit aus dem Gefallen am tugendhaften Handeln: dies sei letztlich „la bellezza de la sapienza“. So erklärt sich auch, weshalb Dante die Ethik als die höchste Wissenschaft wertet: Sie zeigt dem Intellekt, wie er weiter zu Gott kommt. – Nach Speers überzeugenden Ausführungen spielte und sang der „Spielkreis für alte Musik Trier“ Stücke aus dem Zeit zwischen 1230 und 1350. – Abgeschlossen wurde die Tagung traditionsgemäß durch eine Lectura Dantis, in der Bernhard König (Köln) den IX. Gesang des Paradiso in deutscher Übersetzung las und interpretierte. Er konzentrierte sich dabei auf die beiden Hauptgestalten des Gesangs, den Troubadour Folquet von Marseille und Cunizza da Romano. Beide hätten sich jahrelang der Venus verschrieben, sich dann aber aus freiem Willen von ihr abgewandt und ihre Liebe in caritas und Gottesliebe umgewandelt. Diese radikale Umkehr unterscheide sie von den Wollüstigen in Inferno V, die nie bereut hätten, und von den Sündern in Purgatorio XXVI, die für ihre Verfehlung noch büßen müssten. Valentina Pennacino (Genua) rezitierte dann denselben Gesang in italienischer Sprache. Am Schluß der Tagung schenkte Horst Heintze (Berlin) – zur allgemeinen Überraschung und Freude – dem Archiv der Deutschen-Dante-Gesellschaft Dokumente zum Nachleben Dantes in der DDR, wofür ihm der Präsident der Gesellschaft und alle Anwesenden herzlich dankten.

Die nächste Tagung der Deutschen Dante-Gesellschaft wird vom 8.10 bis 10.10.2004 in Krefeld stattfinden.

Joachim Leeker (Chemnitz)