82. München 2005

82. Jahrestagung der Deutschen Dante-Gesellschaft in München (2005)

Vom 7. bis 9. Oktober 2005 fand in München die 82. Jahrestagung der Dante-Gesellschaft statt. Am Samstagvormittag – Tagungsort war der Sitzungssaal der Bayerischen Staatsbibliothek – begann die Reihe der Vorträge mit dem Beitrag „Sulla doppia redazione della Vita Nova” von Guglielmo Gorni (Rom), der erneut die zuvor von Mario Marti vertretene Idee präsentierte, daß die Paragraphen 24-27 über die „donna gentile“ der „Ur-Vita-nuova“ später hinzugefügt worden seien. Dante habe vermutlich selbst den Urtext abgeändert, und zwar während der Arbeit am Convivio, wo ja die „donna gentile“ gleichfalls genannt werde. Die Umdeutung Beatrices am Ende der Vita Nuova stamme möglicherweise aus noch späterer Zeit. – Im folgenden Vortrag sprach Joachim Küpper (Berlin) über das Thema “Bilder der Sünde. Dante und Botticelli”, wobei er sich auf Illustrationen zum Inferno konzentrierte. Es falle auf – so Küpper -, daß Botticelli nicht der zu seiner Zeit schon üblichen Konvention der Zentralperspektive folge, sondern Dante und Vergil mehrfach darstelle, um so ihren Weg festzuhalten. Zum anderen fehle bei den Sündern alles Individuelle – vielleicht eine Rückkehr zu einer traditionelleren Sichtweise. Zum Abschluss der Vormittagsveranstaltungen gab Frau Dr. Alessandra Sorbello Staub eine Einführung in eine Ausstellung früher Dante-Drucke aus dem Besitz der Bayerischen Staatsbibliothek.

Den Auftakt zum Samstagnachmittag bildete ein Vortrag von Marc Föcking(Hamburg) zum Thema “‘Qui habitat in caelis irridebit eos’. Himmlisches und irdisches Lachen bei Dante und Petrarca”. Vor dem Hintergrund  verschiedener Traditionsstränge zeigte Föcking, daß Dante – wie viele christliche Quellen – zwischen einer geistigen Freude des Weisen und der zerstörerischen Albernheit des Toren unterscheide. Darüber hinaus benutze er jedoch “sorriso”, dessen Steigerung “riso” sowie als weitere Steigerungen das Leuchten von Beatrices Augen oder den “riso de l’universo” (Par. XXVIII 4-5) in dem Maße zur Beschreibung der Freude des Weisen, daß man das Lachen als ein Strukturelement der Commedia bezeichnen könne, das nach oben führe. – Hiernach sprach Gerhard Regn (München) über “Epik im Schatten Dantes: Eschatologie und der Ausfall der Heilsgeschichte in Petrarcas Trionfi”. Anhand vieler Details (Konzeption des Triumphzugs; Rombild; Geschichtsbild; Jenseits-Konzeption; zeitliche Lokalisierung des Paradieses) konnte der Vortragende überzeugend seine Grundthese belegen, daß Petrarcas TrionfiDantes Commedia nicht überbieten, sondern einen grundlegenden Gegenentwurf dazu präsentieren wollen. Als Hauptmotiv für dieses veränderte Bild nannte Regn, daß Papst Benedikt XII. im Jahr 1336 von der radikalen Körperlosigkeit der postmortalen Seele gesprochen habe, wodurch Dantes Vorstellungen von den Luftkörpern und dem permanenten Paradies theologisch nicht mehr akzeptabel gewesen seien.

Der Sonntagmorgen – die Veranstaltungen fanden im Institut für Italienische Philologie statt – begann mit dem Vortrag “Die Ordnungen der Sünden in Dantes Commedia” von Andreas Kablitz (Köln); er ging der Frage nach, warum in der Commedia drei verschiedene Ordnungen von Sünden auszumachen seien. Gemeinsam sei allen dreien das seit Gregor dem Großen kanonisierte Schema der sieben Todsünden, das in Reinform bei Dante jedoch nur im Purgatorio zu finden sei. Es handle sich hierbei um den Überlegenheitsanspruch (superbia) und drei seiner negativen Folgen (invidiairaaccidia) einerseits sowie um drei Perversionen der Selbsterhaltung (luxuriagulaund avaritia) andererseits. Wenn die letztgenannten in Inferno I als Bedrohung durch die drei Tiere erscheinen, heiße das, der Mensch könne sich zwar nicht aus eigener Kraft aus der Sünde befreien, dürfe bei Bereitschaft dazu aber auf Gottes Gnade hoffen – dies ist die Ethik des Thomas von Aquin, auf der letztlich auch das Purgatorio beruhe. Im Inferno dagegen – so Kablitz – fänden sich die Todsünden, um Neid und Stolz gekürzt und an die aristotelische Idee von der Tugend als der Mitte zwischen zwei negativen Extremen angepaßt, nur bei den incontinenti. Alles Übrige funktioniere nach dem Prinzip der narratio, d.h. es würden beobachtbare negative Verhaltensweisen wie Gewalt, Betrug oder Verrat psychologisch dargestellt, und hierzu eigne sich die aristotelische Ethik des Sozialverhaltens besser als Gregors Sünden-Katalog. Darüber hinaus stünden hinter den zwei unterschiedlichen Sünden-Systematiken von Hölle und Purgatorio auch zwei verschiedene Grundprinzipien, ja zwei Gottes-Bilder: Während die aus der Antike stammende Vernunft-Ethik des Inferno dem strafenden Gott des Alten Testaments entspreche, zeige sich hinter der Ethik der Liebe und des Vergebens im Purgatorio der gütige Gott des Neuen Testaments. – Den Abschluß der Tagung bildete dann traditionell und satzungsgemäß die Lectura Dantis. Zunächst las David Nelting (München) Purgatorio I in der Übersetzung von Karl Vossler. In seiner anschließenden Interpretation legte der Vortragende den Akzent auf zwei Dinge: auf die heilsgeschichtliche Umdeutung Catos und auf die Benutzung räumlicher Bilder für zeitliche Phänomene. – Nach dieser Interpretation rezitierte Valentina Pennacino aus Genua den gleichen Gesang in italienischer Sprache, bevor Bernhard König als Präsident der Dante-Gesellschaft diese reichhaltige Tagung schloß. Die nächste Jahrestagung wird vom 6. bis zum 8. Oktober 2006 in Marburg stattfinden.

Joachim Leeker (Chemnitz)