83. Marburg 2006

83. Jahrestagung der Deutschen Dante-Gesellschaft in Marburg (2006)

Vom 6. bis 8. Oktober 2006 fand in Marburg die 83. Jahrestagung der Deutschen Dante-Gesellschaft statt. Tagungsstätte war der Historische Saal des Marburger Rathauses, das im Jahr 1527, dem Gründungsjahr der Philipps-Universität, erbaut wurde. Nach der Eröffnungs-Ansprache durch den neuen Präsidenten der Gesellschaft, Winfried Wehle, und nach Grußworten des Oberbürgermeisters Egon Vaupel als Hausherrn sowie des Vizepräsidenten der Philipps-Universität, HerbertClaas, begann die Reihe der Vorträge mit einem Beitrag von Michelangelo Picone(Zürich) über das Thema „‘Le donne e’ cavalier’: l’ideale cavalleresco nella Commedia”. Picone zeigte schlüssig, daß nicht nur die Vita Nova im Zeichen der höfischen Kultur stehe, sondern dass trotz des negativen Bildes der französischen höfischen Romane, das sich aus Inferno V ergibt (die Lancelot-Lektüre verleitet dort ja zum Ehebruch) Dante diese Gattung in mehreren Szenen imitiert habe: So gehe die berühmte Anfangsszene von Inferno I, das Verirrtsein im Wald und der Beginn der Reise zu einer symbolischen Zeit, auf ein Vorbild im Lancelot en prose zurück. – Im Anschluss an diesen Vortrag sprach Bodo Guthmüller (Marburg) über das Thema „‘Trasumanar significar per verba / non si porria’. Zu Dantes erstem Gesang des Paradiso”. Wie Francesco da Buti von „disumanar“ gesprochen habe, wenn ein Mensch durch das Böse zum Tier werde, so meine Dantes „trasumanar” (Par. I, 70) – eine nur Auserwählten zukommende und daher schwer zu beschreibende Erfahrung – ein Überschreiten der menschlichen Natur auf Gott zu: Nach Ovid (Metamorphosen XIII) habe schon Glaucus zu den Göttern aufsteigen und so Circes Verlockungen standhalten können, und nach Boethius (Consolatio philosophiae, IV) partizipiere die von Sünden befreite Seele an der göttlichen Natur. Daher könne Glaucus hier genauso zum Vorbild für Dantes eigenes „trasumanar” werden wie Paulus (Inf. II; Par. I 73ff.). Zugleich solle diese Parallelität bekräftigen, dass Dante tatsächlich körperlich aufgestiegen sei und daß sein Aufstieg nicht, wie zeitgenössische Kommentatoren später meinten, nur eine dichterische Fiktion sei.

An diesen Vortrag schloss sich die Eröffnung einer Ausstellung mit grafischen Arbeiten von Adolf Buchleiter zu Dantes Commedia an, die von Renate Rothkegelvorgestellt wurden; das Publikum beeindruckten besonders zwei ausgestellte Monumentalgrafiken des im Jahr 2000 verstorbenen Künstlers.

Am Nachmittag sprach zunächst Rainer Stillers (Marburg) zum Thema „Von den Bildern zur Einbildungskraft. Dante und die Imagination”. Als mentale Fähigkeit zu Vorstellungen gehöre die „vis imaginativa“ zu den vier inneren Sinnen des Menschen (Convivio III) und stelle eine notwendige Brücke dar zwischen der sinnlich erfahrbaren Welt und dem Intellekt. Dies sei besonders im Purgatorio wichtig, in dem sich ein Übergang von der sinnlichen Wahrnehmung zur übersinnlichen bzw. inneren Erkenntnis vollziehe. Aus diesem Grund gewinne in dieser Cantica die Einbildungskraft kontinuierlich an Bedeutung. So schienen die Marmor-Reliefs in Purg. X vor dem geistigen Auge der Imagination lebendig zu werden, in Purg. XV lasse nur die Imagination das Gehörte auch sichtbar werden, und in Purg. XVII führe Dante die gesehenen inneren Bilder auf göttliche Eingebung zurück und deute so bereits auf die dritte Cantica voraus. – Danach sprach Zygmunt Baranski(Cambridge) über „Petrarca, Dante, Cavalcanti: la formazione dell’auctoritas volgare”. Ausgehend von dem Widerspruch zwischen anscheinend abfälligen Äußerungen Petrarcas über Dante und der Häufigkeit von Dante-Zitaten im Canzoniere, zeigte Baranski bei der Analyse von Petrarcas Äußerungen, daß dieser Dantes Prestige durchaus anerkenne, es aber auf das eines Liebesdichters reduziere und so Dantes Autorität als poeta doctus demontiere. In Canzoniere 70 bescheinige Petrarca Dante sogar, ein „parlar […] aspro” zu bieten, und verschleiere so den Einfluß der Vita Nova auf den Canzoniere. Doch zeige dieses ständige Bedürfnis, Dante herabzusetzen, auch, daß Petrarca im Innersten durchaus von Dantes Autorität überzeugt gewesen sei.

Nach einem  Empfang durch die Stadt Marburg, der sich an den letzten Vortrag des Samstagnachmittags anschloss, wurde Peter Greenaways Videoarbeit „A TV Dante“ vorgeführt, eine Umsetzung der ersten acht Inferno-Gesänge für das Medium Fernsehen.

Der Sonntagmorgen begann mit einem Grußwort des Direktors des Istituto Italiano di Cultura Frankfurt, Herrn Piero di Pretoro. Im Anschluß sprach Petra Missomelius(Marburg) über „Palimpsest und Oberfläche: Peter Greenaways A TV Dante”. In Greenaways Film würden Dantes Inferno I-VIII als Ausgangspunkt benutzt, um mit Hilfe digitaler Video- und Fernseh-Techniken die Hölle der Gegenwart darzustellen. In der sich anschließenden Diskussion wurde dann deutlich, daß es bei Greenaways „Hölle” auch um die unschuldigen Opfer einer als unerträglich empfundenen Gegenwart geht und nicht nur, wie bei Dante, um eine Hölle als Ort der Bestrafung von Schuldigen, so daß Greenaway primär seine eigene (undanteske) Vorstellung von „Hölle” durch Dante-Reminiszenzen illustriert. – Nach einem musikalischen Intermezzo, in dem sakrale und religiöse Madrigale der späten Renaissance vorgetragen wurden, las und interpretierte Wolfgang Raible (Freiburg) Dantes Paradiso XXIX. Er ordnete zunächst den Gesang in den Kontext der Hochscholastik ein (Visionsliteratur; Kommentare), dann deutete er Dantes Kosmologie als Zusammenfließen zweier Traditionen: nämlich zum einen der auf Aristoteles zurückgehenden Zweiteilung des Universums in eine sublunare und eine supralunare Welt, die auf Aristoteles zurückgeht, und zum anderen der seit den Kirchenvätern zu findenden Engelslehre. Abschließend erläuterte Raible den Gesang abschnittweise, wobei die Deutung der neun Engels-Chöre als Beweger der verschiedenen Himmelssphären wohl Dantes originellste Leistung sei. – Die Rezitation des gleichen Gesangs in italienischer Sprache durch Valentina Pennacino (Genua) bildete traditionsgemäß den Abschluß dieser Jahrestagung, deren nächste vom 5. bis 7. Oktober 2007 in Krefeld stattfinden wird.

Joachim Leeker (TU Dresden)