84. Krefeld 2007

84. Jahrestagung der Deutschen Dante-Gesellschaft in Krefeld (2007)

Vom 5. bis 7. Oktober 2007 fand im historischen Sitzungssaal des Rathauses Krefeld-Uerdingen die 84. Jahrestagung der Deutschen Dante-Gesellschaft statt. Zum ersten Mal standen alle Vorträge unter einem Rahmenthema:

„Paradiese der Dante-Zeit“

In seiner Eröffnungsansprache zeichnete der Vorsitzende der Gesellschaft, Winfried Wehle, die jahrelangen außerordentlich guten Beziehungen zwischen der DDG und der Stadt Krefeld nach – vom ersten Kontakt 1947 über die Aufstellung der Dante-Statue 1965 bis zur erstmaligen Verleihung des „Dante-Preises der Stadt Krefeld” im Jahre 2007. Nach Grußworten des Kulturdezernenten Roland Schneider, des Vorsitzenden des Deutschen Italianistenverbandes, Rudolf Behrens, und des Vorsitzenden des Deutschen Romanistenverbandes, Paul Geyer, begann der Vortragsteil mit dem Beitrag „Empyreum – scholastische Gedanken über das Paradies” von Ruedi Imbach (Paris), der wegen Krankheit des Referenten von Hartmut Köhler (Trier) vorgelesen wurde. Auf das Problem, wie das von der Theologie postulierte Empyreum mit der aus Aristoteles (De caelo) bekannten Zweiteilung des Kosmos in eine sublunare, veränderliche und eine unvergängliche Welt jenseits der Mondsphäre vereinbar sei, antworte Dante in Convivio II, III, dass man eher Ptolemäus als Aristoteles folgen und sieben Planeten, den Fixsternhimmel und danach den Kristallhimmel annehmen müsse, zu dem nach christlichem Glauben noch das leuchtende und unbewegte Empyreum als Ort Gottes und der Seligen hinzutrete. Im XIII. Brief XIII versuche Dante dann, auch die Existenz des Empyreum mit strikt philosophischen Argumenten zu beweisen. Diese Probleme hätten schon Augustinus (De gen.) dazu geführt, das „Paradies” nicht als Ort, sondern als Zustand zu begreifen, und zudem sei der Begriff „Himmel” auch mehrdeutig. Auf der Basis von Petrus Lombardus’ Sententiae habe man oft geglaubt, der Feuerhimmel sei schon am ersten Schöpfungstag, also vor dem Firmament, erschaffen worden  – als Sitz der Engel, an dem sich später auch die Seelen nach dem Tode aufhielten. Zu drei zentralen Fragen habe Dante in diesem Zusammenhang Stellung bezogen: 1. In Brief XIII versuche er, das Schweigen der Philosophen zum Empyreum dadurch auszugleichen, dass er dessen Existenz rein philosophisch begründe. 2. Für Dante sei das Empyreum unbeweglich, weil Bewegung ein Indiz von Unvollkommenheit sei. 3. Für ihn habe das Empyreum Einfluss auf die anderen Himmelssphären. Bei all dem biete Dante als ebenbürtiger Gesprächspartner von Theologen der Zeit eigenständige Lösungen an, doch gehe es ihm nur um die ethische Botschaft der Commedia. Schließlich könne man aus Par. XXVII, 109-11 schließen, dass der Kristallhimmel für Dante die Grenze des Universums darstelle, wodurch er der Vorstellung von Augustinus nahe komme, dass Gott an keinem realen Ort und das Paradies eher ein Zustand der Seele sei.

Der Samstagnachmittag begann mit dem Vortrag von Werner Suerbaum (München) zum Thema „Die Goldene Zeit bei Vergil: Die Historisierung des Paradieses”. Nacheinander wies Suerbaum nach, dass keine der bei oberflächlicher Betrachtung sich für einen Vergleich anbietenden Vergil-Passagen – weder das Arkadien der Eklogen noch die in der vierten Ekloge prophezeite Goldene Zeit, die Welt der Bauern in den Georgica, die „Saturnia regna” aus Aeneis VIII, die in Aeneis VI prophezeite „goldene” Augusteische Zeit, ja, nicht einmal das Elysium aus Aeneis VI – ein Paradies im Sinne Dantes sei: Das genannte Elysium zeige zwar Menschen, die sich im Leben Verdienste erworben hätten, im Jenseits in fröhlich angenehmer Atmosphäre, doch sei dies kein Ort ewiger Glückseligkeit, sondern nur ein Ort der Reinigung als Vorbereitung für die Reinkarnation der Seelen. – Einen großen Bogen schlug der sich daran anschließende Vortrag „Dante und das Irdische Paradies” von Friedrich Wolfzettel (Frankfurt). In der religiösen Tradition verkörpere das Irdische Paradies den Mythos vom verlorenen Ursprung und finde sich daher etwa schon im Gilgamesch-Epos. Im Mittelalter werde das Irdische Paradies bisweilen Teil eines Erkenntnis-Weges und so Vorstufe des Himmlischen Paradieses. Zugleich könne es nun lokalisiert werden – zunächst im Zweistromland, in der Alexander-Sage am Ganges und bei Jean de Mandeville sogar in China. Seit dem 9. Jhdt.  gebe es daneben die Vorstellung, es liege auf einer Insel bzw. einem Berg im Westen, und erhalte das Paradies märchenhafte Züge. Dante entnehme dieser Tradition einige Details wie das des Flusses, der überquert werden müsse. Daneben gebe es seit dem 12. Jahrhundert weltlich-erotische Pervertierungen dieses Konzeptes wie etwa den Harem in Floire et Blancheflor und schließlich das vor allem im 2. Teil stark profanisierte Liebes-Paradies des Roman de la roseReflexe hiervon finde man in Purg. XXVII etwa bei der sehr erotisch wirkenden tanzenden Matelda. Dadurch dass gerade hier theologische Bilder ästhetisiert würden, werde Dantes Irdisches Paradies insgesamt zu einem Sinnbild vollendeter Dichtung. – An diesen Vortrag schloss sich die erstmalige Verleihung des mit € 1500,- dotierten „Dante-Preises der Stadt Krefeld” an. Ausgezeichnet wurde mit diesem Preis Barbara Stoltz (Florenz) für Ihren Beitrag: „Der ‚Neue Dante‘: Eine gekürzte Fassung der Commedia im sogenannten Dante historiato da Federico Zuccari„. – Am Abend trafen sich die Teilnehmer im Uerdinger Casino zu einem „Dante-Mahl” nach Rezepten aus dem Italien des 14. Jhdts. ab. Es wurde begleitet von der Vertonung von Vita nuova XXXI (gesetzt für gemischten Chor) des zeitgenössischen Komponisten Wolfram Menschik.

Den Sonntagmorgen eröffnete Hermann H. Wetzel (Regensburg)mit seinem Vortrag „Wie über das Paradies reden?”. Ausgehend von Fragestellungen der Zeichentheorie, zeigte Wetzel am Beispiel des Paradiso auf, mit welchen sprachlichen Mitteln Dante nie Gesehenes und Unsagbares darstellt – nämlich im wesentlichen mit Bildern und Vergleichen sowie mit Spielarten der Lautmalerei. – Im Zentrum der Lectura Dantis, die wie jedes Jahr die Tagung der Dante-Gesellschaft abschloss, stand diesmal Paradiso XXIII, das Christof Weiand (Heidelberg) zunächst in deutscher Übersetzung vorlas. Die Interpretation ging nach der Einordnung des Gesangs in den Kontext vor allem auf die Poetik des „ineffabile”, die Aufhebung der Liebessemantik des Dolce Stil Novo sowie auf die Fortsetzung der Reise unter neuen Voraussetzungen ein. Erstere zeige sich etwa in der Diskrepanz zwischen Beatrices Erklärungen und Dantes anfänglichen sprachlichen Problemen. Erst nachdem Dante Christus geschaut habe, könne er Beatrices Lächeln ertragen: Nun würden Begriffe und Situationen aus der Vita Nuova aufgegriffen und mit neuem, theologischem Inhalt belegt, so dass etwa aus Beatrice, der „donna mia” der Vita Nuova, eine „donna del cielo” werde, die von Maria noch überblendet werde. Nach dieser Wandlung sei Dantes Sehfähigkeit so gesteigert, dass er die Bilder von Marias Triumphzug selbst deuten könne – ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Gottesschau am Ende der Commedia. – Die Rezitation des gleichen Gesangs in italienischer Sprache durch Valentina Pennacino (Genua) bildete wie immer den Schlusspunkt auch dieser vielseitigen und gelungenen Jahrestagung.

Die nächste Tagung der Dante-Gesellschaft wird vom 10. bis 12.Oktober 2008 in Mainz stattfinden.